Blumen und Kräne - zwei Gegenstände, die eine bedeutende Rolle im Leben von Hanna Krause, der Hauptfigur des Romans „Schwebende Lasten“ der amtierenden Mainzer Stadtschreiberin Annett Gröschner spielen. Diese war am 3.3.2026, kurz vor Ende ihrer Amtszeit, am Röka zu Gast und setzte damit die Tradition von Lesungen bekannter Autoren bei uns gelungen fort.
Auch wenn die Geschichte Hannas, deren Leben in Magdeburg sie von der Weimarer Republik bis fast zur Jahrtausendwende erzählt, nichts außergewöhnlich Heldenhaftes bietet und auf den ersten Blick kaum Verbindungen zum Leben heutiger Schüler*Innen in Bad Kreuznach aufweist, fesselt sie das Publikum doch sehr schnell. Denn das Schicksal Hannas macht auf grundsätzliche Herausforderungen des Lebens aufmerksam, welches die „kleinen“ Leute und vor allem Frauen im geschichtsträchtigen 20. Jahrhundert führten. Die detaillreichen und emotionalen Schilderungen der gelesenen Romanausschnitte lassen nachempfinden, was Frauen wie Hanna erlebt haben und wie ähnlich wir ihr heute noch sind. Wenn sie während des Zweiten Weltkriegs einen Luftangriff erlebt, lässt dies an die zahlreichen aktuellen Kriege denken und Hannas zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Mann Karl und die Herausforderung, als Frau in einer männerdominierten, entfremdeten Welt zu bestehen, schreiben sich weiterhin fort.
Folgerichtig konzentriert sich das Gespräch zwischen Gast und Publikum, auf die Darstellung der Hauptfigur, ihre realen Vorbilder und die Anklänge an Familie und eigenes Leben der Autorin. Schnell wird deutlich: Es sind sie lebenslang begleitende Themen, denen sie schon oft als Historikerin und Journalistin nachgegangen ist, die diesen Text prägen und ihn einzigartig machen. Und ganz nebenbei vermittelt Frau Gröschner lebendig, wie sie sich und ihren begeisterten Lesern die Welt erschließt: Dass sie z.B. gar nicht gerne Romane schreibe, weil dies langes Sitzen am Schreibtisch erfordere, sondern dass sie viel lieber mit Verkehrsmitteln der Nr. 4 in aller Welt zufällig Strecken abfährt, um auf Unbekanntes zu stoßen. Spannend ist auch ihr Bericht von den vielfältigen Aufgaben einer Stadtschreiberin, darunter viele Lesungen an Schulen der Region, der eine ganz neue Perspektive auf das Leben einer Schriftstellerin eröffnet.
Dass ihr Roman jedoch nicht der bloßen Vermittlung einer sozialkritischen Botschaft dient, sondern besondere literarische Qualität besitzt, wird deutlich, wenn Frau Gröschner im eigenen Duktus Textauszüge vorliest und ihre metaphorische Ebene zum Klingen bringt. Anschaulich erklärt sie etwa, dass sie die in einem Barocken Stillleben zu sehenden Blumen, zu einem strukturierenden Leitmotiv ausgestaltet und gleichsam über die Kapitel des Romans gestreut hat. Und der so mystisch wirkende Titel „Schwebende Lasten“ sei Sicherheitstafeln in Industriebetrieben entnommen.
Das beste Beispiel dafür, wie sich bei dieser Veranstaltung Alltag und Literatur auf ganz wunderbare Weise verbinden. Die anwesenden Schüler*Innen der MSS erlebten eine wirklich eindrückliche Begegnung mit einer Autorin, die es auf außergewöhnliche Weise schafft, mit ihrem Roman wir auch im Gespräch, Neugier auf andere Menschen, Zeiten und Welten zu erzeugen.
Ein herzliches Dankeschön an den Förderverein unserer Schule, der die Kosten dieser Veranstaltung zur Hälfte bezuschusst hat.
Und ein ebenso großer Dank an die Technik-AG, ohne deren Unterstützung solche Lesungen nicht stattfinden könnten.



